16.02.2026 Erinnerungen an Michail Gorbatschow
Zwischen Ost und West, zwischen Europa und Russland, sollte Frieden und Kooperation selbstverständlich sein. Gern wird bei diesem sehr berechtigten Wunsch an Michail Gorbatschow erinnert, der dafür wie kein anderer tätig gewesen ist und dem gerade wir Deutschen viel zu verdanken haben. Dass seither aber nicht nur im Westen, sondern auch im Osten 35 Jahre vergangen sind, wird deutlich, wenn man die Beiträge von Menschen liest, die Gorbatschow persönlich gekannt haben, herausgegeben als „Michail Gorbatschow“ von Bettina Schaefer, Hamburg 2023.
Es sind Journalisten, Politiker, Diplomaten, Künstler, die hier zu Wort kommen. Sie haben Gorbatschow in verschiedenen Zusammenhängen und zu verschiedenen Zeiten kennengelernt, sie schildern ihn unter verschiedenen Gesichtspunkten, mit etwas unterschiedlichen Bewertungen, manchmal nicht frei von eigenen kleinen Eitelkeiten. In einem sind sich alle einig: das war ein Mensch, wie man ihn in der Politik, schon gar in hohen Ämtern, sonst niemals vorfindet. Er war mit fast schon naiver Ehrlichkeit daran interessiert, für sein Land und seine Menschen Freiheit und mehr Lebensqualität, aber auch für die Staatengemeinschaft Frieden und Fortschritt zu bringen, auch gegen Widerstände im eigenen politischen Apparat, und bei globalen Themen ohne besondere Rücksicht auf nationale Privilegien. Dafür hat er die ihm eine Zeit lang zur Verfügung stehenden Machtmittel eingesetzt, ohne dabei auf Gewalt zurückzugreifen.
Einig sind sich alle Autoren auch darin, dass er ein begnadeter Kommunikator war, nicht nur „formal“ charmant, sondern menschlich interessiert an unzähligen Begegnungen, die er immer gesucht hat, wo er stand und ging. Einig auch darin, dass er und seine Frau sich geliebt und vertraut haben und dass er seiner Frau und den Frauen generell – russisch-untypisch – großen Respekt entgegengebracht hat. Untypisch auch, dass er die ihm zur Verfügung stehenden Ämter zwar gerne für seine Ziele genutzt, aber nicht an ihnen gehangen hat. Auch ohne staatliche Ämter hat er ohne Groll seine Ziele mit privaten Initiativen weiter verfolgt. Es ist interessant, was die Freundin Oxana Grindberg schreibt:
„Russland ist ein Land, das seit ewigen Zeiten beleidigt ist. Es ist so dumm und so destruktiv, immer wieder darüber zu klagen, dass der Westen uns nicht liebt! Wenn man beleidigt ist, dann ist die Tür zu – egal, was man macht. Wenn Du die Situation annimmst, die Gründe verstehst, deine Schlüsse daraus ziehst, das akzeptierst und damit weiterleben kannst, dann steht dir die ganze Welt offen. … Ich weiß nicht, wie es in Deutschland ist, aber in Russland wird uns das nicht beigebracht. Es ist ein Geheimnis und Gorbatschow war jemand, der sich außerhalb des „Beleidigtseins“ bewegte. Ich kenne niemanden, der das auch konnte.“ (Seite 192)
Wer weiß, wo dieser südrussische Bauernsohn, dessen Mutter nicht Lesen und Schreiben konnte, das gelernt hat. Vielleicht gerade dort, bei den einfachen, arbeitenden Menschen. Es wirft ein blendendes Licht auf andere russische Politiker, die das „Beleidigtsein“, die nationale Demütigung, als Kriegsgrund formulieren (siehe Zwischenruf vom 06.01.2026).
Lothar de Maizière zitiert kurze Bemerkungen über Putin, den Gorbatschow „nicht verknusen“ konnte. Gorbatschow habe über Putin gesagt: Er ist ein guter Zar. Worauf de Maizière gesagt habe: Ja, Michail, aber er ist wie ein Zar. Darauf Gorbatschow, wohl eingedenk seiner eigenen Erfahrungen: Ohne Zar geht es nicht in Russland. (Seite 49) Deutlicher wurde er gegenüber dem Kollegen und Freund Alexander Likhotal kurz vor seinem Tod, aber nach dem 24.02.2022. Er wusste, dass alles abgehört wurde, sodass wir nicht frei sprechen konnten. Als wir uns über die aktuelle Situation (also nach der Ukraine-Invasion!) austauschten, sagte er, dass alles, was „wir erreicht“ hätten, „im Abort versenkt“ würde. Damit bezog er sich auf ein früheres Wort von Putin, der alle Terroristen „im Abort versenken“ wollte. (Seite 61)
In den 21 Beiträgen dieses Buches erscheint Gorbatschow als eine Art Palast-Revolutionär, der zwar viel angestoßen und erreicht hat, vor allem international, der aber schließlich an der Re-Aktion seines „Palastes“ politisch gescheitert ist. Machtpolitik war nicht mit Menschlichkeit zu besiegen. Vielleicht ist dieses Fazit, bezogen auf Gorbatschow, etwas zu romantisch, und bezogen auf die Politik generell etwas zu pessimistisch; aber es wird wohl einen wahren Kern haben.
06.02.2026 Fortschritt geht nur radikal…
…ohne Gewalt. Denn was wäre das für ein Fortschritt, wenn er nicht zu mehr Frieden, Wohlstand und Selbstbestimmung unter den Menschen führen würde? Es wäre ein Auf-der-Stelle-treten oder ein Rückschritt. Gewaltanwendung bis hin zum Krieg lässt keinen Fortschritt erkennen, jedenfalls nicht für die von der Gewalt betroffenen Menschen. Auch nicht für die nachfolgende Generation in zerstörten Städten und mit beschädigten Seelen. Gewiss, man muss sich wehren dürfen gegen lebensbedrohende Angreifer. Notwehr muss erlaubt sein. Aber wenn wir in die Gegenwart und Vergangenheit zurückschauen: welcher Krieg war in diesem Sinn unvermeidliche Notwehr? Ein kurzer Blick auf einige Kriege muss angesichts ihrer Vielzahl genügen; der Leser mag weitere Beispiele kritisch beleuchten.
Vietnam – ja, von vietnamesischer Seite Notwehr; seitens der USA fanden Massentötungen ohne vietnamesische Aggression statt. / Der Nazi-Überfall auf die Sowjetunion – von sowjetischer Seite ebenfalls Notwehr. / Die Ukraine – von russischer Seite natürlich nicht; von ukrainischer Seite nur vordergründig ja, denn ukrainische und westliche Politik hätten den bewaffneten Separatismus und die folgende Invasion verhindern können. / Der Völkermord in Palästina seit 2023: die rassistische Menschenverachtung seitens Israel seit Jahrzehnten steht außer Frage; aber war der Massenmord durch die Hamas im Oktober 23 eine „Notwehr“-Antwort? Gewiss nicht. Es war ebenfalls eine rassistisch-menschenverachtende Aktion. Ohne diese Aktion hätte der israelische Rassismus zwar nicht aufgehört, aber es hätte nicht diese „Einladung“ zur „Endlösung“ der Palästinafrage und damit die voraussehbar unermessliche Steigerung israelischer Gewalt gegeben. Dass diese Endlösung stattfindet, hat allein Israel zu verantworten, aber die Hamasführer hätten Tod und Leid für viele Menschen verhindern können.
Und so weiter. Die Beispiele leiten über zu der Frage, ob man Gewalt anwenden, Krieg beginnen darf, nicht um sein Leben unmittelbar zu retten, sondern um schreiendes Unrecht abzuwehren. Welche historischen Beispiele zeigen, dass das funktioniert? Palästina ist aktuell ein Gegenbeispiel. Der Gedanke, dass man eine gerechtere Gesellschaftsordnung auf dem Weg der Gewalt erringen kann, ist alt und er wird nicht nur von mächtigen Kriegsherren als Propaganda missbraucht, sondern auch und gerade von intellektuell Gebildeten. Zugrunde liegt oft der Gedanke, dass die Menschheit sich in ihrer Geschichte aus barbarischer Rohheit zu kultureller Zivilisation entwickelt, sodass die historischen Blutspuren als die bedauerlichen Fundamente unserer besseren Gegenwart zu verstehen seien. Friedrich Schiller hat diesen Gedanken in seiner Jenaer Antrittsvorlesung und auch in seinem Essay Über Völkerwanderung, Kreuzzüge und Mittelalter ausgebreitet. Auch in anderen Geschichtsteleologien lebt er in verschiedenen Farben weiter. Die Marxisten haben daraus den historischen Materialismus gemacht; sie rufen seit 150 Jahren „zum letzten Gefecht“ auf, damit dann „die Sonn´ ohn´ Unterlass“ scheine und warnen stets vor dem Rückfall in die Barbarei. Aber wie viele allerletzte Gefechte hat es seither schon gegeben? Andere reden vom bevorstehenden Ende der Geschichte oder schlicht von der leider notwendigen „Stärke“ des Guten gegenüber dem Bösen, das gerade jetzt zu beseitigen sei. Und so weiter; jeder kennt solche Rechtfertigungen für militärische Machtpolitik.
Die Vorstellung einer Geschichtsentwicklung vom Groben zum Feinen ignoriert, dass auch die „Barbaren“ immer schon das soziale Wesen Mensch waren und sind, wie wir alle, die wir uns für Nicht-Barbaren halten. In diesem Punkt irrt Friedrich Schiller. Recht hat er sicher mit seinem Appell an jeden Einzelnen, mit Geschichtskenntnis aktiv handelnd in die Zukunft zu schreiten und dabei aus den verschiedenen Optionen, die der Mensch immer hatte und hat, Vernunft und Sittlichkeit zu wählen. Diese Wahl ist auch bei den heutigen Kriegsherren allerorten kaum zu erkennen. Zu erkennen sind vielmehr Eroberungsabsichten von egoistischen und zivilisatorisch weit entwickelten (!) Cliquen zulasten von mehr oder weniger Wehrlosen. Auch heute gilt der Spruch von Michel de Montaigne „Nicht der Mangel, sondern der Überfluss gebiert die Habsucht.“
Unsere Aufgabe besteht nicht darin, als kluge Intellektuelle die besseren Argumente für die Kriegsführung der einen oder anderen Partei zu finden, sondern Handlungen und Strategien des gewaltlosen Widerstandes gegen Unrecht zu entwickeln. Auch dafür bietet die Geschichte Beispiele; wer sucht, der findet. Und wenn gewaltloser Widerstand das Unrecht oft zwar nicht verhindern und noch nicht einmal immer vermindern kann, muss man sich doch jedes Mal fragen, ob Gewalt und Krieg gegen Unrecht zu besserem Fortschritt führen. Wo ist die Fakultät, in der Strategien gewaltlosen Widerstandes entwickelt werden? (Hinweise dazu unter den Buttons: Genauer betrachtet und Bibliothek)
25.01.2026 Multipolarität oder Völkerrecht?
Dass in den internationalen Beziehungen die Balancen verlorengehen und das Faustrecht um sich greift, ist inzwischen ein selbstverständlicher Allgemeinplatz. Womit nicht gesagt ist, dass in einer guten alten Zeit die Balancen immer gut austariert waren. Gleichwertigkeit in den internationalen Beziehungen ist und bleibt eine Utopie; die Frage ist nur, wie groß die Entfernung zwischen Realität und Ideal sich ausdehnt.
Auf dem Weg, die Entfernung zu vergrößern, schreitet der US-Präsident voran, der sein Amt nach Kräften monarchisch ausübt, wofür die US-Verfassung offenbar erstaunliche Möglichkeiten bietet. Sogar die ohnehin undemokratische Struktur der UNO mit ihrem dominierenden fünfköpfigen Sicherheitsrat und dessen Vetorechten genügt ihm nicht mehr – es muss ein neuer „Friedensrat“ gebildet werden mit nur noch einer Führungsmacht. Diese heißt nicht etwa USA, sondern Donald Trump auf Lebenszeit einschließlich des Kurfürstentums, seine Nachfolge-Dynastie selbst zu bestimmen. Man könnte es für einen schlechten Witz halten, aber es gibt tatsächlich Staatschefs und UNO-Mitglieder (!), die dort mitspielen wollen.
Aber auch andere Großmächte sind auf dem Weg, die Entfernung zu vergrößern. Russland meint, sich mit jahrelangem Krieg im Nachbarland, dessen souveräne Staatlichkeit bestritten wird, Respekt verschaffen zu müssen. Israel destabilisiert mit westlicher Hilfe und brutaler Gewalt den ganzen Nahen und Mittleren Osten. China geht geduldiger vor, kauft Ländereien in anderen Kontinenten auf, schafft abhängige Staaten durch Investitionshilfen, baut Handels- und Wirtschafts-Stützpunkte in aller Welt, die zunehmend auch militärisch ausgestattet werden (können) und rüstet militärisch auf. Gemeinsam ist allen, dass sie sich selbst als Zentrum eines Macht-Pols sehen mit einer mehr oder weniger untergeordneten Peripherie anderer Staaten oder entstaatlichter Regionen.
Manch ein Kommentator sieht in der so entstehenden „multipolaren“ Welt einen Vorteil gegenüber der bisher „unipolaren“, von den USA beherrschten Welt. Man mag darin tatsächlich eine wachsende Gleichwertigkeit sehen – wenn man nur den Standpunkt der neu entstehenden Pole einnimmt. Vom Standpunkt der Staaten, die zu einer alten oder neuen Peripherie gehören, bleibt höchstens die Perspektive, welchem Pol, welchem Machtzentrum, sie sich zuordnen, d.h. unterordnen wollen. Gewiss wäre es zu begrüßen, wenn europäische Staaten sich aus einer US-Vormundschaft lösen würden. Aber der Aufbau eines „europäischen Hauses“, in dem womöglich Russland gern eine dominierende Rolle spielen würde – welches Verständnis von nationaler Souveränität und Gleichwertigkeit seine Führung hat, zeigt sich seit Jahren in der Ukraine – ist keine verlockende Perspektive. Auch wenn Russland nach dem angerichteten Schaden für diese Rolle absehbar zwar ohnehin ausscheidet, wird damit aber nichts gegen die Idealvorstellung gesagt, dass europäische Staaten – und nicht nur sie – gleichberechtigt miteinander handeln sollten. Schließlich reden wir hier von Utopien…
In diesem Sinne wird es Zeit, dass wir uns an die Utopie „Völkerrecht“ erinnern. Internationale wirtschaftliche Abhängigkeiten, die in der Welt des 21. Jahrhunderts beim erreichten Stand der technischen Entwicklungen unwiderruflich vorhanden, zu begrüßen und zu pflegen sind, können nur dann produktiv wirksam werden, wenn die Nationen friedlich und souverän miteinander kooperieren. Das ist weiß Gott keine originelle Erkenntnis, aber sie gerät selbst bei Denen rapide in Vergessenheit, die einmal angetreten waren, demokratische Prinzipien gegen allzu Mächtige zur Geltung zu bringen. Demokratie dient vor allem dem Recht des Schwächeren! Bereits der Gedanke an mehrere internationale Machtzentren mit internen Hierarchiestufen geht in die falsche Richtung. Die richtige Richtung würde auf den verschiedenen Ebenen bedeuten, dass wir a) die UNO demokratisieren, d.h. unter anderem die Vorrechte der ständigen Mitglieder des Sicherheitsrates abschaffen, dass wir b) die Europäische Union demokratisieren, d.h. gewaltenteilige Institutionen einrichten, die ausschließlich für übernationale Themen bevollmächtigt sind, ohne darüber hinaus die nationalen Souveränitäten zu beschneiden, und dass wir c) die innere(n) Ordnung(en) der Nation(en) so demokratisch wie möglich gestalten (siehe z.B. Anregungen auf dieser Website Demokratie im Detail – Demokratie ist schön). Vor allem bedeutet es natürlich, dass alle sich an bereits vereinbarte Regeln und Verträge halten…
Zur Zeit geschieht das Gegenteil. Aber dieses Problem lösen wir nicht, wenn wir uns von alten Starken lösen (würden), um uns in die Peripherie von neuen Starken zu begeben. Oder uns gar selbst zu dominierenden Starken machen wollen. Auch wenn bei solchen Prozessen manche zivile Projekte profitieren können (siehe z.B. belt & road), die im Rahmen eines Pol-Aufbaus entstehen. Sondern wir müssen Worte und Taten dafür finden, dass Frieden und Wohlstand nicht durch Machtballung und Aufrüstung inkl. ggf. Zerstörung geschaffen werden. Wirtschaftliche Entwicklung, technische Innovation, friedlicher Handel gedeihen nachhaltig nur bei gleichzeitiger demokratischer Souveränität von allen Beteiligten. Deshalb ist die Unterscheidung in der Überschrift keine verbale Haarspalterei, sondern ein Blick über den tagespolitischen Tellerrand hinaus. Vor allem muss es ein Blick sein, der selbstbewusst in unsere eigene Geschichte und in unsere eigenen Fähigkeiten hinein gerichtet wird. Dort können allerlei demokratische Edelsteine gefunden werden, die praktisch dem Vergessen entrissen werden müssen.
06.01.2026 Hamlet lebt
Manche zeitgeschichtlichen Ereignisse erinnern gelegentlich an literarische Darstellungen. Im Fall des Ukrainekrieges drängt sich nach der Lektüre eines Interviews mit dem russischen Historiker Sergey Radchenko (Neue Zürcher Zeitung, International, 19.12.2025, Seite 8 – 9) ein Vergleich mit Shakespeares Hamlet auf.
Radchenko erklärt dem westlichen Leser die Motive der Entscheidungsträger im Kreml. Er sieht hier weniger militärische oder unmittelbar machtpolitische Argumente am Werk als vielmehr psychologische. Putin habe selbstverständlich nicht den Plan, Krieg mit NATO-Staaten zu führen. Sein Krieg verstehe sich auch nicht als präventiver Verteidigungskrieg gegen die NATO-Osterweiterung, so als hätte ein NATO- (oder Ukraine-) -Krieg gegen Russland gedroht. Der Kreml habe nie geglaubt, dass der Westen Russland angreifen werde. Sondern er habe sich nach 1991 gedemütigt gefühlt, so wie Russland sich auch früher schon oft vom Westen gedemütigt, nicht ernst genommen gefühlt habe. Man habe realisiert, dass man auch nach dem Fall der Sowjetunion nicht zum „europäischen Haus“ gehören solle. Putin habe deshalb beschlossen, sich auf anderem Weg Respekt zu verschaffen: durch den Wiederaufbau eines russischen Machtpols einschließlich abhängiger, weniger souveräner Staaten. Das tiefsitzende Gefühl der Demütigung bewege nicht nur Putin und einige Menschen im Kreml, sondern erhebliche Teile des russischen Volkes. Putin bringe diese breite Verbitterung nur zum Ausdruck. (Ein Interview mit dem langjährigen und hochrangigen Kreml-Berater Karaganow (multipolar 14.11.2025) belegt dies eindrucksvoll einschließlich der oft gehörten These, dass hinter Putin radikalere Kräfte stehen.)
Der „Pol“ Moskau sei dabei, seine Einflusszone in einer neuen multipolaren Weltordnung mit militärischen Mitteln zu definieren. Nicht, weil man angegriffen wurde oder ein Angriff absehbar war, sondern weil man politisch abgewiesen und so einmal mehr beleidigt wurde. Dabei gehe Putin als jemand, der im Unterschied zu Stalin keinen Krieg erlebt habe, aggressiver und geschickt pokernd vor, mit genauem Gespür für die Schwächen des Gegners, die er auszunutzen verstehe.
Soweit diese nur kurz zusammengefasste Analyse des Interviews, das vieles besser erklärt als parteiische Kommentare von der einen oder anderen Seite. Diese enthalten zwar jeweils Wahres, verschweigen aber ebenso vieles, was nicht ins jeweilige Narrativ passt. Die national-historische Gefühlslage in Russland rechtfertigt natürlich keinen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg und selbstverständlich, so Radchenko, müsse die Ukraine sich verteidigen. Bestätigt wird Radchenkos Interpretation der russischen Motive auch von einer Antwort Putins bei der Pressekonferenz am 19.12.2025. Auf eine Frage eines BBC-Journalisten antwortet er (www.zeit-fragen.ch 06.01.26, Seite 6): „Sie haben auch gefragt, ob es neue militärische Sonderoperationen geben wird. Es wird keine geben, wenn wir mit Respekt behandelt werden und unsere Interessen berücksichtigt werden…“. Anders formuliert: Respektlosigkeit uns und unseren politischen Interessen gegenüber rechtfertigen Krieg.
Gemäß dieser Darstellung weiß Putin genau, dass er nicht in „präventiver Verteidigungs-Notwehr“ Krieg führt. Er kämpft (bzw. lässt kämpfen und zerstören und sterben) für die Wiederherstellung der russischen Ehre, für die, so auch Putin selbst in zahlreichen Reden, die Herstellung einer Weltordnung mit Moskau als anerkannt wichtigem Einflusspol erforderlich sei. Daraus folgt unter anderem, dass der Kreml seine „militärische Spezialoperation“ erst dann wirklich beenden wird, wenn das Gefühl russischer Demütigung durch den Westen endgültig in die Geschichtsbücher verschwindet und Moskau als weltpolitischer Machtpol in einer multipolaren Welt respektiert wird.
Was hat das mit Shakespeare zu tun? Hier die Story in Kürze: Hamlet, der dänische Prinz, erfährt vom Geist seines toten Vaters, dass dieser von seinem eigenen Bruder ermordet worden sei, der nun auf dem Königsthron sitze und sich auch noch die Witwe zur Frau genommen habe. Prinz Hamlet wird vom toten Vater aus dem Jenseits zur Rache aufgefordert. Er lässt sich damit zunächst Zeit und versucht, die Mordanschuldigung in der Realität zu überprüfen. Dafür spielt er den Geistesverwirrten und Entschlusslosen. Tatsächlich entschließt er sich aber zur Tat, nachdem er in seinem berühmten Monolog to be or not to be reflektiert, ob man das Schicksal stumm dulden oder das Schwert ziehen soll. „Denn wer ertrüg der Zeiten Spott und Geißel…“ „…So macht Bewusstsein Feige aus uns allen; Der angebornen Farbe der Entschließung Wird des Gedankens Blässe angekränkelt…“ Und so weiter. Also weg mit den blassen Gedanken, die die farbige Entschlusskraft behindern, weg auch mit der jungen Ophelia, die sich ihm gerne nähern würde. Denn es gilt Rache zu nehmen. Nachdem Hamlet durch ein geschicktes Manöver die Mordanschuldigung als wahr bestätigt fand und die Rache ihren Lauf nimmt, geschehen auch Irrtümer, manch einer stirbt im weiteren Verlauf versehentlich, andere gezielt, bis am Ende alle tot sind. Und das dänische Königreich wird vom norwegischen Prinzen übernommen, der bis dahin weitgehend unbeteiligt war.
Vergleiche hinken meist, können aber auch Erhellendes enthalten. Bei Hamlet geht es um nichts als Rache aus verletztem Ehrgefühl und am Ende bleibt nichts übrig. Man könnte das Stück sogar als ein Plädoyer für Vernunft und Versöhnung lesen, eine Botschaft, die Shakespeare ja in seinem letzten Stück The Tempest darstellt. In der Ukraine geht es, wenn Radchenko recht hat, zwar vor allem um das Gefühl verletzter Ehre, um Demütigung, gewiss aber auch um realpolitische Ziele. Sicher ist auf allen Seiten machtpolitisches Kalkül ein Treibstoff – aber ist dieses Motiv denn weit entfernt von dem Motiv eines Kampfes um die Ehre? Die Ehre, wenn nicht die Eitelkeit institutionell mächtiger Entscheidungsbefugter? Ein Unterschied ist sicher, dass Putin cleverer und weniger „fehlerhaft“ als Hamlet vorgeht. Aber das Ergebnis große Zerstörung ist dasselbe. In der Ukraine wird längst kaum noch etwas erobert oder zurückerobert, aber der Kampf geht weiter. Wer nachgibt, ist der Schwächling und verliert seine Ehre, um die ja vor allem gekämpft wird. Wenn es nur um reale Werte und vernünftige Ziele ginge, die hoffentlich (!) „von des Gedankens Blässe angekränkelt“ wären, könnte niemand auf die Idee kommen, „der angebornen Farbe der Entschließung“ zu folgen und derartige Zerstörungen anzurichten. Dergleichen geschieht nur auf dem „Feld der Ehre“, auf dem Feld der verletzten Gefühle.
Deshalb liegt die Lösung wohl noch tief im Nebel der Zukunft, der Weg dorthin bleibt blutig und die Frage, ob am Ende ein nahezu unbeteiligter „norwegischer“ Prinz das verwaiste Haus übernimmt, bleibt offen.