06.01.2026 Hamlet lebt
Manche zeitgeschichtlichen Ereignisse erinnern gelegentlich an literarische Darstellungen. Im Fall des Ukrainekrieges drängt sich nach der Lektüre eines Interviews mit dem russischen Historiker Sergey Radchenko (Neue Zürcher Zeitung, International, 19.12.2025, Seite 8 – 9) ein Vergleich mit Shakespeares Hamlet auf.
Radchenko erklärt dem westlichen Leser die Motive der Entscheidungsträger im Kreml. Er sieht hier weniger militärische oder unmittelbar machtpolitische Argumente am Werk als vielmehr psychologische. Putin habe selbstverständlich nicht den Plan, Krieg mit NATO-Staaten zu führen. Sein Krieg verstehe sich auch nicht als präventiver Verteidigungskrieg gegen die NATO-Osterweiterung, so als hätte ein NATO- (oder Ukraine-) -Krieg gegen Russland gedroht. Der Kreml habe nie geglaubt, dass der Westen Russland angreifen werde. Sondern er habe sich nach 1991 gedemütigt gefühlt, so wie Russland sich auch früher schon oft vom Westen gedemütigt, nicht ernst genommen gefühlt habe. Man habe realisiert, dass man auch nach dem Fall der Sowjetunion nicht zum „europäischen Haus“ gehören solle. Putin habe deshalb beschlossen, sich auf anderem Weg Respekt zu verschaffen: durch den Wiederaufbau eines russischen Machtpols einschließlich abhängiger, weniger souveräner Staaten. Das tiefsitzende Gefühl der Demütigung bewege nicht nur Putin und einige Menschen im Kreml, sondern erhebliche Teile des russischen Volkes. Putin bringe diese breite Verbitterung nur zum Ausdruck. (Ein Interview mit dem langjährigen und hochrangigen Kreml-Berater Karaganow (multipolar 14.11.2025) belegt dies eindrucksvoll einschließlich der oft gehörten These, dass hinter Putin radikalere Kräfte stehen.)
Der „Pol“ Moskau sei dabei, seine Einflusszone in einer neuen multipolaren Weltordnung mit militärischen Mitteln zu definieren. Nicht, weil man angegriffen wurde oder ein Angriff absehbar war, sondern weil man politisch abgewiesen und so einmal mehr beleidigt wurde. Dabei gehe Putin als jemand, der im Unterschied zu Stalin keinen Krieg erlebt habe, aggressiver und geschickt pokernd vor, mit genauem Gespür für die Schwächen des Gegners, die er auszunutzen verstehe.
Soweit diese nur kurz zusammengefasste Analyse des Interviews, das vieles besser erklärt als parteiische Kommentare von der einen oder anderen Seite. Diese enthalten zwar jeweils Wahres, verschweigen aber ebenso vieles, was nicht ins jeweilige Narrativ passt. Die national-historische Gefühlslage in Russland rechtfertigt natürlich keinen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg und selbstverständlich, so Radchenko, müsse die Ukraine sich verteidigen. Bestätigt wird Radchenkos Interpretation der russischen Motive auch von einer Antwort Putins bei der Pressekonferenz am 19.12.2025. Auf eine Frage eines BBC-Journalisten antwortet er (www.zeit-fragen.ch 06.01.26, Seite 6): „Sie haben auch gefragt, ob es neue militärische Sonderoperationen geben wird. Es wird keine geben, wenn wir mit Respekt behandelt werden und unsere Interessen berücksichtigt werden…“. Anders formuliert: Respektlosigkeit uns und unseren politischen Interessen gegenüber rechtfertigen Krieg.
Gemäß dieser Darstellung weiß Putin genau, dass er nicht in „präventiver Verteidigungs-Notwehr“ Krieg führt. Er kämpft (bzw. lässt kämpfen und zerstören und sterben) für die Wiederherstellung der russischen Ehre, für die, so auch Putin selbst in zahlreichen Reden, die Herstellung einer Weltordnung mit Moskau als anerkannt wichtigem Einflusspol erforderlich sei. Daraus folgt unter anderem, dass der Kreml seine „militärische Spezialoperation“ erst dann wirklich beenden wird, wenn das Gefühl russischer Demütigung durch den Westen endgültig in die Geschichtsbücher verschwindet und Moskau als weltpolitischer Machtpol in einer multipolaren Welt respektiert wird.
Was hat das mit Shakespeare zu tun? Hier die Story in Kürze: Hamlet, der dänische Prinz, erfährt vom Geist seines toten Vaters, dass dieser von seinem eigenen Bruder ermordet worden sei, der nun auf dem Königsthron sitze und sich auch noch die Witwe zur Frau genommen habe. Prinz Hamlet wird vom toten Vater aus dem Jenseits zur Rache aufgefordert. Er lässt sich damit zunächst Zeit und versucht, die Mordanschuldigung in der Realität zu überprüfen. Dafür spielt er den Geistesverwirrten und Entschlusslosen. Tatsächlich entschließt er sich aber zur Tat, nachdem er in seinem berühmten Monolog to be or not to be reflektiert, ob man das Schicksal stumm dulden oder das Schwert ziehen soll. „Denn wer ertrüg der Zeiten Spott und Geißel…“ „…So macht Bewusstsein Feige aus uns allen; Der angebornen Farbe der Entschließung Wird des Gedankens Blässe angekränkelt…“ Und so weiter. Also weg mit den blassen Gedanken, die die farbige Entschlusskraft behindern, weg auch mit der jungen Ophelia, die sich ihm gerne nähern würde. Denn es gilt Rache zu nehmen. Nachdem Hamlet durch ein geschicktes Manöver die Mordanschuldigung als wahr bestätigt fand und die Rache ihren Lauf nimmt, geschehen auch Irrtümer, manch einer stirbt im weiteren Verlauf versehentlich, andere gezielt, bis am Ende alle tot sind. Und das dänische Königreich wird vom norwegischen Prinzen übernommen, der bis dahin unbeteiligt war.
Vergleiche hinken meist, können aber auch Erhellendes enthalten. Bei Hamlet geht es um nichts als Rache aus verletztem Ehrgefühl und am Ende bleibt nichts übrig. Man könnte das Stück sogar als ein Plädoyer für Vernunft und Versöhnung lesen, eine Botschaft, die Shakespeare ja in seinem letzten Stück The Tempest darstellt. In der Ukraine geht es, wenn Radchenko recht hat, zwar vor allem um das Gefühl verletzter Ehre, um Demütigung, gewiss aber auch um realpolitische Ziele. Sicher ist auf allen Seiten machtpolitisches Kalkül ein Treibstoff – aber ist dieses Motiv denn weit entfernt von dem Motiv eines Kampfes um die Ehre? Ein Unterschied ist sicher, dass Putin cleverer und weniger „fehlerhaft“ als Hamlet vorgeht. Aber das Ergebnis große Zerstörung ist dasselbe. In der Ukraine wird längst kaum noch etwas erobert oder zurückerobert, aber der Kampf geht weiter. Wer nachgibt, ist der Schwächling und verliert seine Ehre, um die ja vor allem gekämpft wird. Wenn es nur um reale Werte und vernünftige Ziele ginge, die hoffentlich (!) „von des Gedankens Blässe angekränkelt“ wären, könnte niemand auf die Idee kommen, „der angebornen Farbe der Entschließung“ zu folgen und derartige Zerstörungen anzurichten. Dergleichen geschieht nur auf dem „Feld der Ehre“, auf dem Feld der verletzten Gefühle.
Deshalb liegt die Lösung wohl noch tief im Nebel der Zukunft, der Weg dorthin bleibt blutig und die Frage, ob am Ende ein nahezu unbeteiligter „norwegischer“ Prinz das verwaiste Haus übernimmt, bleibt offen.